Wie meine Liebe zu Vögeln zum eigens gebauten Überwachungsstaat führte | Team Insight von Anne

Sag mir, dass du Mitte 30 bist, ohne mir zu sagen, dass du über 30 bist.

Oh, ein Grünfink. Schau mal – ein Girlitz! Hast du den Zilpzalp gehört? Möchtest du mit mir auf die Vogelstimmenwanderung auf dem Hauptfriedhof Samstag um 6 Uhr morgens?

Ja. Ich bin 37 und jetzt Hobbyornithologin. Wie gefühlt jeder Mensch in meinem Alter, habe ich ein ausgeprägtes Interesse an Flora und Fauna entwickelt. Die tierischen Besucher:innen im Garten haben es mir besonders angetan. Also los geht’s: der hauseigene Garten in Seckbach wird zu einem Vogel-Paradies umgestaltet.

Erste Maßnahmen: ein großes Sozialsiedlungsprojekt für gestresste Vogeleltern (zahlreiche Nistkästen für verschiedene Vogelarten), direkt daneben Kokosnüsse gefüllt mit Würmern und Körnern (denn kurze Wege gefallen den Gästen bestimmt!), Tränken und Badeplätze werden aufgebaut – die Vögel sind begeistert. So beobachte ich seitdem das fröhliche Flattern und Picken,  jedes neue Meisenpaar, das sich im einem der Kästen gemütlich macht, wird herzlich willkommen geheißen und sich am Zwitschern erfreut. Die dicken Tauben, die in der Efeuhecke ständig von den dünnen Ästen fallen, erfreuen mein Gemüt. Spätestens bei der Stunde der Gartenvögel, einer Wildvogelzählung des NABU, entdecke ich immer gefiederte Besucher:innen.

Doch wie das immer so ist im Leben – ein Vollzeitjob erlaubt es mir nicht ständig ins Grüne zu schauen und meine tierischen Mitbewohner:innen zu beobachten. Doch dann erfuhr ich an einem verhängnisvollen Tag von meiner Kollegin Alex von DER Lösung für mein Problem: einem  smarten Vogelhäuschen. Scheinbar leben wir wirklich mittlerweile in der Zukunft. Dieses verrückte Teil hat eine solarbetriebene Kamera, macht Fotos oder Videos, sobald sich ein Vögelchen am reich gedeckten Buffet bedient – eine KI bestimmt die Vogelart und schickt das Bildmaterial sofort aufs Smartphone. Die Idee: während ich im Büro an der Betonwüste Hauptwache sitze, kündigt ein leises Ping! an, dass ein Hausrotschwanzweibchen gerade in Seckbach ein Würmchen frisst – der Tag ist gerettet! So die Theorie…

Nun laufen Projekte in der Praxis ja selten so wie wir uns das vorstellen… Ich schreite zur Tat: das smarte, solarbetriebene Vogelhäuschen aus FSC-zertifiziertem, nachhaltigen Bambus wird geliefert, installiert und mit feinstem Bio-Futter befüllt. Der perfekte Ort ausgekundschaftet, die App heruntergeladen, die Vorfreude steigt. Scherzhaft nenne ich das Gerät „Bird Stalker Professional“. Ich sitze im Büro – ein leises Ping! ertönt und ich freue mich meinen ersten tierischen Gast zu sehen.

Ernüchterung. Kein Vogel wird gefilmt, sondern eine Bewegung im Garten registriert: mein Partner geht mit dem Hund Gassi. Und ich bekomme die Live-Bilder ins Büro an der Hauptwache gespielt. 42 Minuten später bekomme ich erneut Nachricht- scheinbar kehrt der Mann mit dem Hund vom Spaziergang zurück. Wie? Nur 42 Minuten? Das ist ja ganz schön kurz, warum geht der denn keine ordentliche Runde? Da muss ich heute Abend direkt mal nachfragen, ob das Tier auch genug Auslauf hatte.

So gerät das Projekt Vogelkamera völlig außer Kontrolle: Ich bekomme Nachrichten wer den Garten betritt und verlässt, beobachte unfreiwillig Mitbewohner beim Blumen gießen und Rasen mähen, erfahre unbeabsichtigt wer wie oft den Biomüll ausleert, dass der Nachbar eine Gartenparty vorbereitet: Ich errichte versehentlich einen Überwachungsstaat im eigenen Garten. Für einen Menschen für mich (ich bezeichne mich selber als Kontroletti), definitiv nicht zuträglich zum selbstauferlegten Jahresziel: lernen loszulassen und Verantwortung abgeben.

Nach wenigen Tagen Seckbacher Kontrollstaat zeigen sich am Abendbrottisch alle Betroffenen halb belustigt & halb schockiert und sich vor allem einig: Das Vogelhaus muss umziehen. An einen sicheren Ort in einer Ecke, die nicht einsichtig ist. 

Seitdem liefert die Kamera endlich das, was sie versprochen hat: Vögel. Viele Vögel. Amseln, Kleiber, viele Meisen, hin und wieder ein freches Eichhörnchen. Und ich habe gelernt, dass nicht jede Bewegung im Garten meiner Aufmerksamkeit bedarf.

Die Amseln kommen und gehen. Die Meisen ziehen ihre Jungen groß. Der Nachbar feiert vermutlich weiterhin Gartenpartys. Nur bekomme ich zum Glück davon nichts mehr mit.

Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Projekts: festzustellen, dass weniger Kontrolle eigentlich ganz schön ist.

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